Achtsamkeit im neuen Jahr

#achtsamkeit  #neubeginn  #entschleunigung  #selbstreflexion  #bewussterlebensstil

Sil­ke Tsa­frir

Lieber bewusster als schneller beginnen

Der Jah­res­wech­sel hat für vie­le Men­schen eine beson­de­re Ener­gie. Es ist die Zeit, in der wir inne­hal­ten, Bilanz zie­hen und neue Vor­sät­ze fas­sen. „Im neu­en Jahr wird alles anders“, sagen wir – und fül­len Notiz­bü­cher mit Zie­len, Diät­plä­nen und guten Absich­ten. Doch kaum sind die ers­ten Wochen ver­gan­gen, holen uns die alten Mus­ter wie­der ein. Die To-do-Lis­ten wach­sen, die Moti­va­ti­on sinkt, und das schlech­te Gewis­sen mel­det sich: Schon wie­der nicht geschafft.

Viel­leicht liegt das Pro­blem gar nicht dar­in, dass wir zu wenig Dis­zi­plin haben – son­dern dar­in, dass wir zu sehr im Tun ver­haf­tet sind. Wir glau­ben, Ver­än­de­rung müs­se laut, sicht­bar und aktiv sein. Doch manch­mal ist das Gegen­teil wahr: Wirk­li­che Ver­än­de­rung ent­steht in der Stil­le.

Warum Aktionismus uns nicht wirklich weiterbringt

Aktio­nis­mus fühlt sich im ers­ten Moment gut an. Er ver­mit­telt das Gefühl, etwas in Bewe­gung zu brin­gen, Kon­trol­le zu haben und nicht ste­hen­zu­blei­ben. Wir pla­nen, opti­mie­ren, räu­men auf, star­ten Fit­ness-Chal­lenges oder kün­di­gen neue Pro­jek­te an. Die­se Akti­vi­tät erzeugt ein kur­zes Hoch – doch sie hält sel­ten lan­ge an.

Hin­ter Aktio­nis­mus steckt häu­fig ein inne­res Unbe­ha­gen, das wir unbe­wusst ver­mei­den wol­len. Wir spü­ren, dass etwas nicht stimmt – viel­leicht Über­for­de­rung, Lee­re oder Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit – und ver­su­chen, die­ses Gefühl mit Akti­vi­tät zu über­tö­nen. Tun wird zur Flucht. Wir len­ken uns ab von uns selbst und dem, was wir viel­leicht nicht sehen oder spü­ren wol­len. Doch je mehr wir immer nur tun und uns ablen­ken, des­to weni­ger hören wir uns selbst und ver­lie­ren letz­ten Endes die Ver­bin­dung zu uns selbst.

Psy­cho­lo­gisch betrach­tet ist Aktio­nis­mus eine Form von „Kampf­re­ak­ti­on”. Unser Ner­ven­sys­tem reagiert auf Stress, indem es in den Modus von Kon­trol­le und Leis­tung wech­selt. Wir wol­len die Unsi­cher­heit nicht spü­ren – also han­deln wir. Wir struk­tu­rie­ren, pla­nen, erschaf­fen – und über­se­hen dabei, dass genau die­ser Drang nach Kon­trol­le uns immer wei­ter von uns selbst ent­fernt.

Hin­zu kommt der gesell­schaft­li­che Druck: Wer inne­hält, gilt schnell als faul oder unpro­duk­tiv. Ruhe wird nicht als Not­wen­dig­keit, son­dern als Schwä­che inter­pre­tiert. Beson­ders Frau­en spü­ren die­sen Druck stark – sie sol­len funk­tio­nie­ren, sich um alles und alle küm­mern, leis­ten und dabei natür­lich lächeln. Und so ren­nen vie­le von uns ins neue Jahr mit dem inne­ren Mot­to: Wenn ich mich nur genug anstren­ge, wird alles bes­ser und alle mögen mich.

Doch das Gegen­teil ist der Fall: Je mehr wir ver­su­chen, uns selbst zu über­ho­len, des­to grö­ßer wird die Erschöp­fung. Wir han­deln, ohne ver­bun­den zu sein – mit uns, mit unse­ren Bedürf­nis­sen, mit unse­rem Kör­per. Und dann wun­dern wir uns, war­um sich trotz aller Bemü­hun­gen nichts ändert, son­dern sich die Gesamt­si­tua­ti­on und das eige­ne Wohl­be­fin­den sogar ver­schlim­mert.

Acht­sam­keit bie­tet hier eine radi­ka­le Gegen­be­we­gung. Sie sagt: Du musst nicht sofort han­deln. Du darfst zunächst ein­mal spü­ren. Sie lädt dich ein, wahr­zu­neh­men, was gera­de da ist – in dir, in dei­nem Kör­per, in dei­nem Leben, bevor du ent­schei­dest, was du tun möch­test.

Erst wenn du inne­hältst, ent­steht Klar­heit. Aus Klar­heit erwächst Han­deln, das nicht getrie­ben ist, son­dern bewusst geschieht, im Best­fall auch im Ein­klang mit dei­nen Bedürf­nis­sen und dem, was gera­de erfor­der­lich ist.

Achtsamkeit als Gegenbewegung zum Jahresanfang

Wäh­rend der Jah­res­be­ginn oft von äuße­ren Zie­len geprägt ist – mehr Sport machen, weni­ger Stress haben, gesün­der essen – lenkt Acht­sam­keit den Blick nach innen. Sie fragt nicht: Was will ich errei­chen? Sie fragt statt­des­sen: Wie möch­te ich leben? Wie möch­te ich mich füh­len?

Was ist Acht­sam­keit eigent­lich?

Acht­sam­keit bedeu­tet, den gegen­wär­ti­gen Moment bewusst wahr­zu­neh­men, so wie er ist – ohne ihn sofort bewer­ten oder ver­än­dern zu wol­len. Es ist die Fähig­keit, mit wacher Auf­merk­sam­keit ganz da zu sein — für den Atem, für Emp­fin­dun­gen, Gedan­ken, Gefüh­le, Geräu­sche – für das, was jetzt geschieht.

Acht­sam­keit heißt nicht, den All­tag zu ver­lang­sa­men oder immer ruhig zu blei­ben. Acht­sam zu sein bedeu­tet, wahr­zu­neh­men, was gera­de wirk­lich da ist – selbst, wenn es unan­ge­nehm ist. Wenn du bemerkst, dass du gestresst bist, erschöpft oder unru­hig — dann bist du bereits acht­sam. Acht­sam­keit ist eine uns ange­bo­re­ne Fähig­keit, die wir durch unse­ren oft hek­ti­schen Lebens­stil ver­ges­sen haben, die wir uns aber jeder­zeit auch wie­der zu eigen machen kön­nen durch ein­fa­che und kur­ze Übun­gen, wie z.B. bewusst zu atmen.

Atem­übung: Den Atem bewusst füh­ren – 4–7‑8 Atmung

  • Set­ze dich bequem und auf­recht hin.
  • Wenn du magst, schlie­ße dei­ne Augen.
  • Atme auf 4 Zäh­ler ein und hal­te den Atem auf 7 Zäh­ler und atme auf 8 Zäh­ler aus.
  • wie­der­ho­le das für ein paar Run­den.

Bewusst und tief zu atmen hat eine sofor­ti­ge Wir­kung auf unser para­sym­pa­thi­sches Ner­ven­sys­tem, das für Ent­span­nung zustän­dig ist. Außer­dem bringt uns bewuss­tes Atmen in den gegen­wär­ti­gen Moment zurück und wie­der in die Ver­bin­dung zu uns selbst.

Im Kern ist Acht­sam­keit eine Ein­la­dung, das Leben so zu sehen, wie es gera­de ist, statt stän­dig zu ver­su­chen, es anders zu machen oder zu opti­mie­ren. Wenn wir ler­nen, anzu­neh­men, wie es gera­de ist, öff­net sich ein Raum. Wir tre­ten sozu­sa­gen einen klei­nen Schritt aus der Situa­ti­on her­aus und betrach­ten die Situa­ti­on von außen. In die­sem Raum haben wir wie­der viel mehr Hand­lungs­spiel­raum.

Gera­de am Jah­res­an­fang kann das unglaub­lich heil­sam sein. Bevor du neue Zie­le setzt, gib dir Raum, das alte Jahr bewusst abzu­schlie­ßen und fra­ge dich:

  • Was hat mich erfüllt?
  • Was hat mich müde gemacht?
  • Was möch­te ich los­las­sen?
  • Was darf mehr Raum bekom­men in mei­nem Leben?

Die­se Fra­gen hel­fen dir, dich wie­der mit dir zu ver­bin­den – mit dem, was dir wich­tig ist und dich wirk­lich nährt.

Das Bedürfnis, etwas zu verändern – und der Mut, erstmal nichts zu tun

Wenn wir ehr­lich sind, fällt Nichts­tun schwer. In einer Welt, die auf Geschwin­dig­keit und Leis­tung aus­ge­legt ist, fühlt sich Ruhe oft falsch an. Doch genau in die­ser Stil­le ent­steht etwas Kost­ba­res – der Kon­takt zu dir selbst.

Acht­sam­keit bedeu­tet, wahr­zu­neh­men, was du gera­de brauchst – nicht, was du „soll­test“. Viel­leicht brauchst du Ruhe, viel­leicht Nähe, viel­leicht ein­fach ein paar tie­fe Atem­zü­ge. Die­ser Moment des Spü­rens ist kein Still­stand, son­dern er kann der Beginn ech­ter Ver­än­de­rung sein. Denn wenn du dich selbst wie­der wahr­nimmst, kannst du bewuss­te Ent­schei­dun­gen tref­fen, statt alte Mus­ter zu wie­der­ho­len.

Bewusst ankommen, bevor du aufbrichst

Bevor du durch die Tür ins neue Jahr gehst, hal­te kurz inne. Was möch­test du wirk­lich mit­neh­men? Und was darf drau­ßen blei­ben? Wofür bist du dank­bar? Wel­che Men­schen haben dich im ver­gan­ge­nen Jahr gestärkt und dür­fen dich wei­ter­hin beglei­ten? Wel­che ange­fan­ge­nen Pro­jek­te möch­test du wei­ter aus­bau­en oder wie­der auf­ge­ben? Mit wel­chen neu­en Ange­wohn­hei­ten möch­test du begin­nen und wel­che möch­test du able­gen? 

Lau­sche nach innen und spü­re die Ant­wor­ten. Das ist Acht­sam­keit – im Inne­ren spü­ren und im Außen bewusst han­deln.

Von der To-do-Liste zur To-be-Liste

Vie­le Men­schen star­ten das Jahr mit lan­gen To-do-Lis­ten. Doch was wäre, wenn du statt­des­sen eine To-be-Lis­te erstellst – eine Lis­te des Seins?

Fra­ge dich:

  • Wie möch­te ich mich füh­len?
  • Wel­che Qua­li­tä­ten möch­te ich in mir stär­ken – Gelas­sen­heit, Ver­trau­en, Freu­de, Mut?
  • Was darf leich­ter wer­den?

Die­se Lis­te kann zu dei­nem inne­ren Kom­pass wer­den. Wenn du dich an ihr ori­en­tierst, ent­steht Ver­än­de­rung aus Ver­bun­den­heit, nicht aus Druck. Du beginnst zu han­deln, weil du dich leben­dig fühlst – nicht, weil du glaubst, du müss­test etwas bewei­sen.

Achtsamkeit im Alltag verankern

Acht­sam­keit braucht kei­ne beson­de­ren Vor­aus­set­zun­gen. Sie beginnt im Klei­nen. Schon klei­ne Ver­än­de­run­gen kön­nen Gro­ßes bewir­ken.

  • Eine klei­ne Mor­gen- und / oder Abend­rou­ti­ne, mit der du den Tag bewusst beginnst bzw. been­dest
  • Drei bewuss­te Atem­zü­ge zwi­schen zwei Ter­mi­nen
  • Ein kur­zer Moment der Stil­le, bevor du dein Han­dy am Mor­gen ein­schal­test
  • Eine klei­ne Pau­se, um ganz in Ruhe eine Tas­se Tee zu trin­ken
  • Essen, ohne neben­her zu lesen oder Pod­cast zu hören

Es sind die­se klei­nen Momen­te, die dei­nen All­tag ver­wan­deln. Denn sie schen­ken dir das, was Aktio­nis­mus nie kann – die Ver­bin­dung zu dir selbst und zum gegen­wär­ti­gen Moment.

Das neue Jahr als inneren Prozess verstehen

Das neue Jahr ist nicht nur ein Neu­an­fang im Außen – es ist ein inne­rer Über­gang. Wir tre­ten aus einem Zyklus her­aus und in einen neu­en hin­ein. Die­ser Über­gang geschieht nicht auf Knopf­druck in der Sil­ves­ter­nacht, son­dern in einem lei­sen, orga­ni­schen Pro­zess.

In der Natur kön­nen wir das wun­der­bar beob­ach­ten: Kein Baum treibt am 1. Janu­ar plötz­lich Blät­ter. Er ruht, sam­melt Kraft in sei­nen Wur­zeln, bevor Neu­es wach­sen darf. Die­se Zeit der Rege­ne­ra­ti­on ist kein Still­stand, son­dern die Vor­be­rei­tung auf das Neue, was kommt.

Genau­so ver­hält es sich mit uns Men­schen. Auch wir brau­chen Pha­sen des “inne­ren Win­ters” – Zei­ten der Ein­kehr, des Nach­spü­rens und der Stil­le. In die­sen Zei­ten reift das, was spä­ter sicht­bar wird. Wenn wir die­se Pha­se über­sprin­gen und sofort in Akti­on gehen, fehlt uns die Tie­fe. Unse­re Hand­lun­gen wer­den ober­fläch­lich, getrie­ben und unver­bun­den.

Ein inne­rer Pro­zess dage­gen ent­fal­tet sich lei­se. Er braucht Geduld, Ver­trau­en und Hin­ga­be. Er fragt nicht: „Was kann ich tun?“, son­dern: „Was darf ent­ste­hen?“

Acht­sam­keit hilft uns, die­sen Pro­zess bewusst zu gestal­ten. Sie erin­nert uns dar­an, dass Wachs­tum nicht nur im Außen statt­fin­det – son­dern zuerst in uns. In dem Moment, in dem du dich dir selbst zuwen­dest, kann Ver­än­de­rung begin­nen.

Das neue Jahr kann so zu einer Ein­la­dung wer­den, nicht alles sofort zu wis­sen oder zu pla­nen, son­dern nach innen zu lau­schen. Wel­che Qua­li­tä­ten möch­ten in dir wach­sen? Wel­che Erfah­run­gen aus dem alten Jahr wol­len inte­griert wer­den und wel­che alten Geschich­ten dür­fen enden?

Wenn du das Jahr als inne­ren Pro­zess begreifst, öff­net sich ein ganz ande­rer Raum:
Du hörst auf dich, ohne dich zu ver­glei­chen und ver­traust dei­nem eige­nen Rhyth­mus. Und du erlaubst dir, auf natür­li­che Wei­se zu wach­sen – Schritt für Schritt, so wie die Natur es uns vor­macht. Dann wird der Jah­res­an­fang nicht zum Wett­lauf, son­dern zu einer sanf­ten Rück­kehr zu dir selbst.

Mit Achtsamkeit dem Leben zuhören

Viel­leicht ist das der schöns­te Vor­satz über­haupt: Nicht sofort wis­sen zu müs­sen, wohin es geht, son­dern dem Leben zuzu­hö­ren.

Zwi­schen dem alten und dem neu­en Jahr liegt ein stil­ler Moment, wie ein Atem­zug. Ein Raum, in dem du neu wäh­len kannst – nicht, was du tun willst, son­dern wie du sein möch­test, und genau dort beginnt alles Wesent­li­che.

Acht­sam­keit statt Aktio­nis­mus bedeu­tet nicht zwangs­läu­fig, nichts zu tun – son­dern bewusst zu tun — aus dem Ver­trau­en her­aus, dass das Rich­ti­ge ent­steht, wenn du wirk­lich prä­sent bist. So kannst du das neue Jahr nicht nur begin­nen, son­dern bewusst betre­ten – Schritt für Schritt, Atem­zug für Atem­zug.

healthstyle


Über die Autorin Silke Tsafrir:

Sil­ke Tsa­frir ist MBSR-Leh­re­rin, Coach und Yoga­leh­re­rin. In ihrem Stu­dio Mat­te & Stuhl in Stutt­gart-West beglei­tet sie Frau­en dabei, acht­sa­mer, gelas­se­ner und selbst­be­stimm­ter zu leben. Ihre Arbeits­schwer­punk­te lie­gen in:

  1. Stress­be­wäl­ti­gung durch Acht­sam­keit (MBSR) – inne­re Ruhe fin­den inmit­ten des All­tags,
  2. Coa­ching für Selbst­füh­rung und per­sön­li­che Klar­heit – das eige­ne Leben bewusst gestal­ten,
  3. Acht­sa­mes Yoga – den Kör­per als Anker für Prä­senz und inne­re Balan­ce erfah­ren.

Mit Herz, Erfah­rung und Authen­ti­zi­tät inspi­riert sie Men­schen, inne­zu­hal­ten, sich selbst wie­der zu spü­ren und aus die­ser Ver­bin­dung her­aus neue Wege zu gehen.

Mehr Info: www.matteundstuhl.de

Bei­trags­bild: © canva.com

Weitere Literaturtipps* zum Thema:

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