#selbstführung #nachsicht #jahresziele #80/20
Markus Ammann, Sabrina Fretz
Warum gut dosierte Nachsicht oft besser funktioniert als eisenharte Disziplin
Wenn Ziele Druck machen, statt Richtung zu geben
Der Januar ist der Monat der großen Pläne. Neue Routinen, klare Ziele, frische Motivation. Kaum eine Zeit steht so sehr für den Wunsch, sich selbst neu zu erfinden. Doch während wir Listen schreiben und Jahresziele sammeln, übersehen wir oft den wichtigsten Faktor jeder Planung: unseren mentalen Zustand.
Viele Menschen beginnen das Jahr mit Disziplin, aber dafür frei jeden Bewusstseins. Sie setzen sich Ziele, die ihnen nicht entsprechen, und wundern sich später über den Stillstand. Denn wer aus falschen inneren Annahmen plant, landet schnell in Druck, Dissonanz und innerer Spannung.
Der Kopf will Struktur, das Herz jedoch sucht Sinn. Doch statt innezuhalten, beschleunigen wir und verlieren uns im Takt fremder Erwartungen. Und bei all der Euphorie dürfen wir jedoch niemals vergessen, dass der 1. Januar schliesslich der letztmögliche Tag sein möge, an dem es nun endlich losgehen kann. Wer später startet, hat schon verloren, und deshalb wollen all die SMARTEN Ziele bis dahin rasiermesserscharf und glasklar definiert sein. Was kann bei so wenig subtilem Druck schon jemals schiefgehen? Kein Wunder also, liegen all die wohlgemeinten Pläne ein paar Tage später bereits schon wieder in der Tonne.
Eine alternative Herangehensweise für eine mental gesunde und somit auch erfolgversprechende Jahresplanung beginnt nicht mit einem Kalender, sondern mit einem inneren Standort. Dieser fragt nicht: Was will ich bis wann schaffen? Sondern: Welche Entwicklung möchte ich dieses Jahr realisieren und welche Story möchte ich erleben?
Warum das Gehirn «Ganz oder gar nicht» liebt
Hinter Perfektionismus steckt selten übermässiger Ehrgeiz. Meist ist es ein Bedürfnis nach Kontrolle. Unser Gehirn liebt Eindeutigkeit, denn Zwischentöne kosten Energie. «Ganz oder gar nicht» fühlt sich sicher an, weil es klare Bahnen vorgibt.
Dieses Muster, in der Psychologie «Alles-oder-Nichts»-Denken genannt, war früher überlebenswichtig. Heute verwandelt es uns in Selbstoptimierer:Innen, die entweder 100 Prozent geben oder sofort aufgeben. Doch das Leben ist nicht binär. Zwischen Erfolg und Versagen liegt ein weiter Raum, in welchem Klarheit und Entwicklung wachsen dürfen.
Perfektionismus, Selbstanspruch und Mental Load sind die modernen Varianten dieses alten Musters. Viele planen aus Stress heraus und halten an Zielen fest, die sie längst überfordern. Wer Härte mit Disziplin verwechselt, verliert die Fähigkeit flexibel zu bleiben.
«Viele Menschen halten an Routinen fest, die sie längst erschöpfen. Sie glauben, sie müssten durchhalten, um konsequent zu sein. Dabei bedeutet echte Konsequenz manchmal, bewusst innezuhalten.» (Markus Ammann)
Wenn Disziplin zur Dissonanz wird
Wir kennen das Gefühl: Die To-Do-Liste wächst. Die Motivation sinkt. Das schlechte Gewissen übernimmt. Was als Tatkraft beginnt, wird zu Druck. Druck wird zu Dissonanz. Das Denken will Struktur, das Fühlen jedoch schreit nach einer Pause.
«Das Gehirn strebt nach Ordnung. Doch wer immer 100 Prozent will, beraubt sich selbst der Energie, um langfristig dranzubleiben. Nachsicht ist wie ein mentaler Puffer, sie bewahrt uns vor Überhitzung.» (Sabrina Fretz)
Kognitive Dissonanz ist der Zustand, wenn Kopf und Herz nicht mehr zusammenarbeiten, und dies führt zu mentaler Reibung. In der Psychologie sprechen wir dann von einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen der Einstellung gegenüber einer Sache und dem eigenen Verhalten. Gehen wir bei einem psychisch gesunden Menschen doch immer davon aus, dass dieser selbst der Überzeugung ist, das Richtige zu tun. Sei es objektiv auch noch so falsch. Diese Unvereinbarkeit damit, dann aber wahrgenommen eben doch das Falsche zu tun, ist für die Psyche schier unaushaltbar. Nun beginnen wir, uns auf kleinerer Ebene selbst zu betrügen und bedienen uns einiger Strategien, um diese Dissonanz aufzulösen.
Einerseits können wir unser Verhalten anpassen. Wir wollen als besser Geige spielen können? Kein Problem. Dann üben wir noch ein wenig mehr. Wenn das nicht funktioniert, können wir unsere Einstellung gegenüber der Sache selbst oder gegenüber den störenden Parametern ändern. Wir spielen ja eigentlich gar nicht so schlecht Geige. Die paar Fehler werden doch wohl niemanden wirklich stören, oder? Oder aber wir ändern die Einstellung zur Sache ganz und wenden sie ab. Wir «verlieren die Lust» – wortwörtlich. Wer will denn schon Geige spielen? Das Ding hat auch kaum 5.000 Euro gekostet und interessiert sowieso niemanden. Ausserdem ist der Geigenlehrer sowieso eher eine Pfeife als eine Geige. In dem Moment, da lassen wir los. Die kognitive Dissonanz ist gelöst, weil die Einstellung und das Verhalten wieder zueinander passen. Doch das einst gesetzte Ziel haben wir – ganz genau richtig – vergeigt.
Der Geist wird dabei mitunter auch schon mal sehr laut, das eigene Selbst, unser «Erwachsenen-Anteil», der wirklich ernsthaft gerne Geige gespielt hätte, der wird dafür dann mental sehr leise. Mentale Klarheit entsteht erst, wenn wir beide Seiten hören: Den Planer und den Menschen dahinter.
Nachsicht als mentale Ressource
Nachsicht hat in unserer leistungsorientierten Welt einen schlechten Stand. Schliesslich «kommen nur die Harten in den Garten». Viele verwechseln sie mit Schwäche, mit «es sich leicht machen».
Wenn wir uns Nachsicht erlauben, aktiviert das genau jene Bereiche im Gehirn, die für Selbstreflexion, Fokus und Entscheidungskraft zuständig sind. Der präfrontale Kortex arbeitet klarer, die Wahrnehmung wird weiter, und wir können wieder denken, statt lediglich zu reagieren. Selbstkritik hingegen bindet Energie. Sie macht den Geist eng und verstärkt den inneren Lärm.
Studien zeigen, dass Selbstmitgefühl nicht nur Stresshormone senkt, sondern auch die Lernfähigkeit verbessert. Wir sich Fehler verzeiht, lernt schneller, weil er offen bleibt für Erkenntnis, Einsicht und somit auch Veränderung.
Sabrina formuliert es pragmatisch: «Wenn du dich selbst milder führst, bleibst du handlungsfähig. Du brauchst weniger Kraft, um dranzubleiben und du spürst mehr Freude an dem, was du tust.»
Nachsicht bedeutet nicht, die Zügel zu verlieren. Es bedeutet, sie so zu halten, dass du dich daran nicht wundscheuerst.
Und genau hier öffnet sich der Weg zum 80/20-Prinzip, das für mentale Jahresplanung oft mehr bewirkt, als jede perfekte Routine.
Das 80/20 Prinzip für den Kopf
Jahresziele müssen nicht perfekt umgesetzt werden, um Wirkung zu erzeugen. Oft reichen 80 Prozent völlig aus. Die restlichen 20 Prozent dürfen menschlich bleiben, unplanbar, unordentlich, echt.
20 Prozent Chaos gehören zum Leben genauso dazu, wie die Steuererklärung und diese eine fehlende Schraube im Ikea Bausatz.
Das Pareto-Prinzip besagt, dass 80 Prozent Wirkung durch 20 Prozent Aufwand erzielt werden, und lässt sich mühelos auf die mentale Jahresplanung übertragen. Es hilft, Perfektionismus auszutricksen und den Fokus auf das richten, was wirklich zählt.
«Viele verlieren sich in Details, weil sie glauben, alles müsse perfekt sein. Doch wer 80 Prozent bewusst gestaltet, bleibt flexibel und damit realistisch erfolgreich.» (Markus Ammann)
«80 Prozent bedeuten, dass du dir erlaubst, echt zu bleiben. Das ist kein fauler Kompromiss, sondern kluge Selbstführung.» (Sabrina Fretz)
Ein Beispiel: Jemand nimmt sich vor, jeden Morgen zu meditieren, 30 Minuten, ohne Ausnahmen. Nach drei Wochen scheitert der Plan am echten Leben. Wer stattdessen einkalkuliert, dass einzelne Tage ausfallen dürfen, erlebt mehr Ruhe, mehr Kontinuität und deutlich weniger Druck. Das ist 80/20 in Aktion: weniger Zwang, mehr Wirkung.
Und wenn ein Ziel öfter ins Wasser fällt als gedacht? Dann ist das kein Beweis für Scheitern, sondern eine Einladung zur liebevollen Reflexion. Stimmt das Ziel wirklich für mich? Wenn es dies tut, was steht mir denn konkret im Weg? Und was kann ich dazu beitragen, um wieder anzuknüpfen?
Mentale Jahresplanung Schritt für Schritt
Schritt 1: Standort statt Ziel
Bevor du planst, kläre deinen Ausgangspunkt: Was fühlt sich stimmig an, was nicht mehr? Ziele sind wertlos, wenn sie nicht zu deinem inneren Zustand passen. Du weißt nicht, wie du ankommst, wenn du nicht weißt, wo du hinwillst – richtig. Wenn du jedoch den Startflughafen nicht kennst, nutzt dir das schönste Reiseticket nichts.
Schritt 2: Identität statt Hetzjagd
Hetz nicht einem einzigen stupfsinnigen Ziel hinterher, wie z.B. «in vier Jahren laufe ich einen Marathon». Stelle dir stattdessen die Frage: Wer bin ich, wenn ich diesen Marathon gelaufen bin? Was hat sich in meinem Leben verändert? Bin ich gesünder geworden? Stärker? Lebendiger? Und vor allem: Kann ich mich als «Läufer:In» sehen – oder ist es nur ein leeres Ideal? Wenn du das Bild deiner Identität nicht greifen kannst, zeigt das Ziel mehr über den Druck als über den Wunsch.
Schritt 3: Vision statt Vorsatz
Ein Vorsatz kontrolliert, eine Vision inspiriert. Ein Vorsatz fragt: «Was muss ich erreichen?». Eine Vision fragt: «Was zieht mich an?» Sie richtet dich innerlich aus, statt dich zu jagen. Hier sehen wir auf die globale Weltsicht der Identität. Zu wem bin ich auf meiner Reise geworden? Was habe ich insgesamt mitgenommen? Will ich wirklich zum marathonlaufenden Weltkasse Geigenspieler werden, oder ist es doch etwas anderes, dass das Feuer in mir entfacht?
Die geheime Zutat, die alles Zusammenhält: Nachsicht statt Druck
Erlaube dir Umwege. Wer sich Raum für Fehler lässt, bleibt beweglich. Mentale Planung bedeutet nicht, sich selbst zu kontrollieren, sondern sich regelmässig zu prüfen, jedoch ohne sich dafür zu bestrafen. Denn Klarheit ist kein Endpunkt, sondern eine Praxis. Eine Haltung, die sich zeigt, wenn Pläne sich ändern und du trotzdem bei dir bleibst.
Verfolge deine Fortschritte. Jedoch nicht, Um dich für Fehlverhalten zu bestrafen. Beobachte sie, um deine Entwicklung zu sehen und zu würdigen. Denn Wachstum entsteht nicht auf Härte, sondern aus dem Bewusstsein darüber, was du dazugelernt hast.
Beispiele aus dem echten Leben
Im echten Leben zeigt sich der Unterschied sofort: Eine Führungskraft plant ihr Jahr auf die Minute genau und fühlt sich nach zwei Monaten leer, weil für nichts unvorhergesehenes mehr Raum bleibt.
Eine andere arbeitet mit 80/20: Kernziele klar, aber Luft zum Atmen. Sie reflektiert, passt an, lernt – und erreicht am Ende mehr, weil sie weniger kämpft.
«Erfolg ist kein Sprint, sondern eine Haltung. Wer 80 Prozent investiert und 20 Prozent atmet, bleibt länger im Spiel.» (Markus Ammann)
«Mentale Jahresplanung ist kein Wettbewerb. Es geht nicht darum, schneller zu werden, sondern bewusster.» (Sabrina Fretz)
Klarheit als Haltung, nicht als Zustand
Klarheit bedeutet, zu erkennen, wann genug wirklich genug ist. Sie ist weniger Ziel als vielmehr eine innere Richtung. Eine Haltung, die dich trägt, wenn Pläne sich verändern und das Leben seine eigenen Wege geht. Das Jahr endet nicht mit Durchhalten, sondern mit Bewusstsein.
Mentale Klarheit ist kein Sieg, sondern ein Einverständnis mit dem, was ist und mit der eigenen Unvollkommenheit. Sie entsteht dort, wo du dir selbst freundlich zunickst und anerkennst:
Ich bin auf dem Weg. Ich bin auf dem richtigen Weg. Ich bin auf meinem Weg.
Fazit: Erfolg mit Gebrauchsspuren
Perfektion ist ein schönes Ideal, aber ein schlechter Begleiter. Nachsicht ist die unsichtbare Kraft, die uns erlaubt, menschlich zu bleiben, während wir wachsen.
Mentale Jahresplanung bedeutet, Raum zu lassen für Fehler, Erkenntnisse und neue Perspektiven.
Erfolg entsteht nicht durch Härte, sondern durch Haltung: durch gütige Konsequenz und das Vertrauen darauf, dass 80 Prozent manchmal vollkommen reichen.
Denn am Ende geht es nicht darum, perfekt zu wirken, sondern echt zu sein – mit leichten Gebrauchspuren.
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Über die Autoren Markus Ammann und Sabrina Fretz

Markus Ammann ist Mental Health Coach und belgeitet Menschen in Phasen persönlicher Neuorientierung, innerer Stabilität und großer Veränderungsprozesse. Als BSc der angewandten Psychologie (FHNW) und mehrfach zertifizierter Master Business und Mental Health Coach verbindet er fundiertes Fachwissen mit einem praxisnahen, menschlichen Zugang.
Durch seinen eigenen, vielschichtigen Lebensweg hat er tiefes Verständnis für menschliche Übergänge entwickelt und weiß, worauf es ankommt, wenn Menschen sich neu ausrichten, alte Muster ablegen oder Stabilität zurückgewinnen möchten. Sein Fokus liegt darauf, innere Klarheit, Selbstführung und eine realistische, tragfähige Perspektive zu fördern.
Kontakt: markus.ammann@mission-entwicklung.ch

Mental Health Coach Sabrina Fretz begleitet Menschen in Übergangs- und Umbruchphasen und unterstützt diese dabei, Stabilität, Orientierung und innere Klarheit zu entwickeln. In ihrem Coaching nutzt sie BaZi als ergänzendes Reflexionsinstrument, um Potenziale sichtbar zu machen und Entscheidungen bewusster zu treffen.
Arbeitsschwerpunkte:
- Mentale Stabilität und Selbstführung
- Begleitung in Trennungs- und Veränderungsprozessen
- Innere Klarheit und bewusste Entscheidungsfindung
Kontakt: sabrina.fretz@mission-entwicklung.ch
Mehr Infos: www.mission-entwicklung.ch
Beitragsbild: © kieferpix — canva.com










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